Purinstoffwechsel & Harnsteine beim Hund
Hyperurikosurie und Urat-Harnsteine – purinarme Fütterung im Detail
- Was es ist
- Genetisch bedingt erhöhte Harnsäureausscheidung, Risiko für Urat-Harnsteine
- Typisch betroffen
- Dalmatiner (rassetypisch), vereinzelt andere Rassen mit derselben Genvariante
- Ernährungsziel
- purinarme Proteinquellen, viel Flüssigkeit, kontrollierter Harn-pH
Die meisten klassischen Dalmatiner tragen eine Genvariante im SLC2A9-Gen, die den Harnsäuretransport in Leber und Nieren verändert. Dadurch scheiden sie deutlich mehr Harnsäure (Urat) über den Urin aus als andere Hunderassen – ein Zustand, der als Hyperurikosurie bezeichnet wird. Die 2008 in PLOS Genetics veröffentlichte Genanalyse konnte diese Mutation eindeutig als Ursache identifizieren und erklärt, warum auch andere Rassen, die dieselbe Variante geerbt haben, betroffen sein können.
Seit den 1970er-Jahren gibt es außerdem sogenannte LUA-Dalmatiner ("Low Uric Acid"): Durch ein Rückkreuzungsprogramm mit Pointern wurde die normale, unveränderte SLC2A9-Variante in die Rasse zurückgeführt. LUA-Dalmatiner scheiden Harnsäure wie andere Hunderassen aus und haben damit kein erhöhtes Risiko für Urat-Harnsteine – im Unterschied zu den ursprünglichen "HUA"-Dalmatinern ("High Uric Acid"). Ein DNA-Test kann zuverlässig zeigen, zu welcher Gruppe ein einzelner Hund gehört; das ersetzt bei bereits aufgetretenen Symptomen aber nicht die tierärztliche Abklärung.
Ursachen
Anders als beim Menschen wird Harnsäure beim Hund normalerweise in der Leber fast vollständig zu Allantoin abgebaut, einer gut löslichen Substanz. Die SLC2A9-Mutation stört diesen Transportweg, sodass deutlich mehr unveränderte Harnsäure über die Nieren ausgeschieden wird. Ist der Urin zusätzlich sauer und stark konzentriert, kann die Harnsäure auskristallisieren und Urat-Harnsteine bilden – bei männlichen Hunden mit ihrer engeren Harnröhre besonders risikobehaftet, da Kristalle dort eher einen gefährlichen Verschluss verursachen können.
Symptome
- Häufiger, angestrengter oder schmerzhafter Harnabsatz
- Blut im Urin
- Häufiges, tröpfchenweises Urinieren oder komplettes Ausbleiben (akuter Notfall bei Verschluss!)
- Lecken im Genitalbereich, Unruhe
- Manche Hunde bleiben trotz Steinen zunächst unauffällig
Ernährung bei Hyperurikosurie: Was die Wissenschaft zeigt
Eine im Fachjournal BMC Veterinary Research veröffentlichte Studie an neun Hunden mit genetischer Hyperurikosurie (überwiegend Dalmatiner) über zwölf Monate zeigte: Unter einer purinreduzierten Diät sank die Harnsäurekonzentration im Urin signifikant. Bei guter Fütterungstreue traten in diesem Zeitraum keine erneuten Harnsteine auf – die zwei Hunde, die während der Studie neue Steine entwickelten, hatten die Diät nachweislich nicht konsequent eingehalten. Die Körperzusammensetzung blieb über den Studienzeitraum stabil, es gab keine Hinweise auf Nährstoffmängel durch die Diät.
Für die praktische Fütterung ergeben sich daraus folgende Grundsätze:
- Purinarme Proteinquellen bevorzugen: Innereien (v. a. Leber, Niere, Milz), Wild und viele Fischsorten sind besonders purinreich und sollten bei Hyperurikosurie deutlich reduziert oder gemieden werden. Eier, Milchprodukte und viele magere Muskelfleischsorten enthalten dagegen vergleichsweise wenig Purin.
- Ausreichend, aber nicht übermäßig Eiweiß: Ziel ist eine bedarfsgerechte, nicht künstlich reduzierte Proteinversorgung – wichtig ist die Quelle des Proteins, nicht primär die Menge.
- Viel Flüssigkeit fördern: Ein verdünnter Urin senkt die Harnsäurekonzentration direkt. Ein Anteil roher, wasserreicher Fütterung sowie zusätzliches Anfeuchten von Futter helfen, das Trinkvolumen indirekt zu erhöhen.
- Harn-pH im Blick behalten: Ein zu saurer Urin begünstigt die Kristallbildung. In der oben genannten Studie lag der pH trotz Diät konstant unter dem eigentlich angestrebten Bereich, was zeigt, dass die Fütterung allein den pH nicht immer ausreichend anhebt – hier lohnt sich eine regelmäßige tierärztliche Kontrolle und ggf. zusätzliche Maßnahmen.
- Regelmäßige Kontrolle statt einmaliger Umstellung: Da Hyperurikosurie genetisch bedingt und nicht heilbar ist, ist die purinarme Fütterung eine Dauermaßnahme, keine befristete Diät.
Für Barf-Fütterer heißt das konkret: Innereien in der Ration stark einschränken oder ganz weglassen, magere Muskelfleischsorten als Basis wählen, und über den napf it! Purin-Rechner prüfen, ob trotz reduzierter Innereien der Mikronährstoffbedarf nach NRC-Standard noch gedeckt ist – Innereien liefern schließlich auch wichtige Nährstoffe wie Vitamin A, Eisen oder Kupfer, die bei Weglassen anders ausgeglichen werden müssen. Zur unterstützenden Pflege der Harnwege werden kurweise auch traditionell harntreibend genutzte Brennnesselsamen (gemahlen) oder Hagebuttenschalen eingesetzt; über den napf it! Urin-pH-Rechner lässt sich der Harn-pH zusätzlich im Blick behalten. Um die Flüssigkeitsaufnahme zusätzlich zu fördern, lässt sich das Futter gut mit einer Brühe oder Suppe aus dem napf it! Sortiment anfeuchten – schmackhaft und ein einfacher Weg, den Urin zu verdünnen.
Warum eine purinarme Fütterung auch bei Leishmaniose-Hunden relevant ist
Purinarme Fütterung betrifft nicht nur die genetische Hyperurikosurie: Bei Hunden mit Leishmaniose, die mit dem Standardmedikament Allopurinol behandelt werden, entsteht als bekannte Nebenwirkung ein erhöhtes Risiko für Xanthin-Harnsteine (Xanthinurie) – Allopurinol blockiert den Purinabbau des Parasiten, verändert dabei aber auch den Purinstoffwechsel des Hundes selbst. Aktuelle Studien der iberischen Veterinärgemeinschaft zeigen, dass eine begleitende purinarme Ration dieses Risiko spürbar senken kann. Deshalb führt der napf it! Purin-Rechner beide Anwendungsfälle zusammen. Leishmaniose selbst – Übertragung, Diagnose und Therapie – behandeln wir ausführlich in einem eigenen, noch folgenden Ratgeber.
Häufige Fragen
Bekommt jeder Dalmatiner Harnsteine?
Nein. Die erhöhte Harnsäureausscheidung betrifft praktisch alle Dalmatiner, tatsächliche Harnsteine entwickelt aber nur ein Teil von ihnen – begünstigt durch Faktoren wie Urin-pH, Flüssigkeitsaufnahme und Fütterung.
Ist eine rein pflanzliche/fleischfreie Ernährung eine Lösung?
Eine deutliche Reduktion tierischer Innereien senkt die Purinzufuhr, ein vollständiger Fleischverzicht ist dafür aber nicht notwendig und aus Sicht der Nährstoffversorgung beim Hund auch nicht automatisch die bessere Wahl. Entscheidend ist die gezielte Auswahl purinarmer tierischer Proteinquellen.
Hilft mehr Trinken wirklich gegen Harnsteine?
Ja – eine höhere Flüssigkeitsaufnahme verdünnt den Urin und senkt damit die Harnsäurekonzentration, was die Kristallbildung erschwert. Das ist neben der purinarmen Fütterung eine der wichtigsten Stellschrauben.
Quellen
- Bannasch et al.: „Mutations in the SLC2A9 Gene Cause Hyperuricosuria and Hyperuricemia in the Dog", PLOS Genetics, 2008 – pmc.ncbi.nlm.nih.gov
- „Evaluation of dogs with genetic hyperuricosuria and urate urolithiasis consuming a purine restricted diet: a pilot study", BMC Veterinary Research, 2017 – link.springer.com
- Cornell University College of Veterinary Medicine, Riney Canine Health Center: „Hyperuricosuria and hyperuricemia or urolithiasis (HUU)" – vet.cornell.edu
- Minnesota Urolith Center: „Canine Urate" Empfehlungen – urolithcenter.org
- „Xanthinuria secondary to allopurinol treatment in dogs with leishmaniosis: Current perspectives of the Iberian veterinary community", Research in Veterinary Science, 2022 – sciencedirect.com
- Dalmatian Club of America Foundation: „LUA Dalmatians" – Hintergrund zum Rückkreuzungsprogramm und DNA-Test – dcaf.org